"Tiere aus dem Ausland" 

Immer wieder fachen heftige Diskussionen auf, pro und contra, wenn es darum geht Tiere aus dem Ausland, bzw. von ausländischen Tierheimen nach Deutschland zu überführen.
Sogar die meisten Tierschützer sind sich untereinander nicht einig, ob eine solche Vorgehensweise gerechtfertigt, sinnvoll oder schlichtweg falsch ist.
Aus meinen Erfahrungen der Vergangenheit, dem Wissen über ausländische Tierheime, der Gefahr von länderspezifischen Infektionserkrankungen, über unterschiedliche Kulturen und deren Beziehung zum Tier, als auch dem Trend Haustiere aus Spanien, Italien, Rumänien  oder der Türkei nach Deutschland zu überführen, gibt es nachstehend einige Dinge hierzu anzumerken.

Stellen Sie sich einfach einmal vor, in einer Stadt direkt an der deutschen Landesgrenze zu wohnen. Sie möchten sich einen kleinen Hund anschaffen und stöbern im Internet. Da finden Sie Waldi im 5 km entfernten Tierheim, dass aber bereits jenseits der deutschen Landesgrenze angesiedelt ist.
Aber auch in einer ca. 1000 km entfernten deutschen Stadt ist ein ähnlicher kleiner Hund, der auch nur darauf wartet ein festes Zuhause zu erhalten.
Ihnen gefallen beide Hunde, die Schutzgebühren sind identisch. Für welchen Hund entscheiden Sie sich?
Für den Hund in Ihrer Nähe aber aus dem Ausland, oder für den ca. 1000 km entfernt lebenden Hund, aber aus Deutschland? Ich denke die ehrliche Antwort ist, man holt sich ein Tier, für das man Interesse bekundet, einfach aus dem „nächstgelegenen“ Tierheim.

Im Zeichen der Annäherung europäischer Länder sind also die Landesgrenzen nicht unbedingt der Streitpunkt. Ist es die Entfernung und die damit verbundenen Kosten, die prinzipiell gegen ein Tier aus dem Ausland sprechen?
Bei vielen Tierschutzorganisationen ist es mittlerweilen nicht aufwendiger oder teurer sich für ein Tier aus Spanien, Italien oder aus einem anderen europäischen Land zu entscheiden, als für ein Tier aus dem eigenen Tierheim. Durch die problemlose Kommunikation über Email, Erfahrungen mit Tierüberführungen bei den Organisatoren vor Ort, sowie verfügbare Flugpaten, gibt es meist keinerlei Probleme bei einer Überführung.
Die Flugkosten und medizinischen Vorsorgeuntersuchungen sind in der Regel bereits in den Schutzgebühren enthalten, die bedingt durch die billigeren Tierarztkosten im Ausland, meist nicht höher ausfallen als bei der Vermittlung eines deutschen Hundes.

Aber warum nicht vorzugsweise einen Hund aus einem deutschen Tierheim ein Zuhause geben?
Die meistgehörtesten Argumentationen von Kritikern sind:

  • „Macht doch erst einmal unsere Tierheime leer, bevor Ihr Hunde aus dem Ausland holt.“ oder

  • „Unsere Tierheime sind doch so wie so schon mit Tieren aus unserem Lande überfüllt, da muss man nicht noch welche aus dem Ausland dazu holen“. Aber auch:

  • „Das ist die falsche Vorgehensweise Haustiere nach Deutschland zu bringen, im dortigen Land müsste alleinig durch Kastrationsaktionen die Population eingeschränkt werden.“ 

Nun, eigentlich ist es ganz einfach zu beantworten, zum einem passen Angebot und Nachfrage meist nicht, zum anderem kann eine Überführung eines Tieres nach Deutschland nicht den Zweck haben die Population der leidenden Tiere im Ausland zu mindern.

In Deutschlands Tierheimen sitzen vorherrschend größere, ältere und oft problembehaftete Hunde und Katzen und hoffen auf ein lebenswertes Dasein. Die meisten Interessenten, die planen sich ein Tier zu halten, haben jedoch bereits schon konkrete Vorstellungen von Ihrem neuen Familienmitglied.
Oft als Anfänger mit Familie wünschen Sie sich entweder einen kleinen Hund als  Wuschel, von der Größe maximal kniehoch, am besten noch im Welpenalter bzw. bis max. einen halben Jahr alt, blondfarben und hübsch, gelehrig, verträglich mit Kindern, Artgenossen und Katzen, oder ein wirklich reinrassiges Tier.
Mancher Katzenliebhaber wünscht sich vielleicht ein rotfarben gestromertes weibliches Katzenbaby mit blauen Augen. Natürlich gibt es kaum ein deutsches Tierheim das auf solche Anfragen ein passendes Tier zur Vermittlung hat. Was macht also der Interessent?

Er geht zum Züchter!

Sicherlich erhält er auch von dort nicht immer ein Tier, das exakt seinen Wünschen entspricht, jedoch hat er sein Gewissen beruhigt („ich habe ja in den Tierheimen angefragt und die konnten mir nicht helfen“), als auch bekommt er ein Tier das seiner Vorstellung nahe kommt.

Und warum sollte ein ausländisches Tierheim es ablehnen, wenn ein deutscher  Interessent einen kleinen und jungen Hund nun (meist über das Medium Internet) in einem ausländischen Tierheim entdeckt und bekundet ihm ein festes Zuhause geben zu wollen?
Über deutsche Tierschutzorganisationen / Kontaktpersonen ist eine Überführung nach Deutschland und eine Weitervermittlung mittlerweile schon zur Routine geworden.
Und es ist vor allem eine gute Alternative zum Züchter.

Was aber, wenn Tiere von ausländischen Tierheimen, ohne konkret vorhandene Interessenten bei uns, in Tierheime nach Deutschland übersiedelt werden? „Es ist doch vollkommener Aberwitz ausländische Tierheime zu entlasten und die Tiere in unsere doch so wie so schon überfüllten Tierheime zu stecken“, hört man die Kritiker.
Nun das ist sicherlich ein Thema das man pauschal so nicht beantworten kann. Ob solche Aktionen Unsinn oder manchmal vielleicht sogar unbedingt erforderlich sind, kann nur von Fall zu Fall und bei individueller Betrachtung beurteilt werden.

Wissen Sie wie es in manchen ausländischen Tierheimen zugeht, wobei hier der Name “Tierheim“ oft schon falsch ist? Im Gegensatz zu Deutschland gelten dort keinerlei Tierschutzgesetze oder tierschützerische Regeln. Oft ist es nur ein “Todeslager“, in dem Hunde und Katzen unter unwürdigsten Zuständen dahinvegetieren müssen und für die dann der Tod die Erlösung bedeutet.
Im Gegensatz zu den Tieren in unseren Tierheimen dürfen in vielen Ländern auch gesunde Tiere getötet werden (z.B. aus Platzgründen, bei fehlendem Geld für Futter, wenn zu wenig Personal für eine Betreuung vorhanden ist, usw.). Ein Hund in einem
ausländischen “Tierheim“ hat so gut wie keine Chance im eigenen Land vermittelt zu werden. Also einen Hund der in einem solchem Lager untergebracht ist, mit einem Tier in unserem Tierheimen zu vergleichen, ist wie die Lebensweise eines gutverdienenden deutschen Durchschnittsbürgers mit der eines äthiopischen Hungerleiders gleichzusetzen.

Beispielhaft möchte ich kurz über das Schicksal einiger Hunde aus ausländischen Heimen berichten:
Tessy ein kleiner Hund wurde streunend in Spanien aufgegriffen und  ins dortige “Tierheim“ gebracht. Aus Platzgründen wurde Tessy in ein zu großes Rudel gesteckt und nicht weiter beaufsichtigt. Sie wurde von Ihren Artgenossen so stark zerbissen und verletzt, dass sie anschließend getötet werden musste. 

Die Aufnahme im dortigen “Tierheim“ bedeutete für sie nur einen qualvollen Tod erleiden zu müssen.

Viele gesunde Tiere, die in diesem Tierheim untergebracht wurden, mussten schon sterben und es werden sicherlich auch nicht die letzten sein.
Die Massengräber mit den in Plastiktüten verpackten toten Körpern sind Zeitzeuge von oft unsagbaren Leid der Tiere.
Oder Tibor aus Chisinau in Moldawien, ein kleiner Pudelmischling wurde streunend aufgegriffen und in das “Todeslager für Straßentiere“ gebracht. In dem dortigen Käfig wurde er von Ratten so stark angefressen, das er dadurch ein Bein verlor.
Von einer ansässige Tierschützerin aus dem Lager geholt, wurde er kurze Zeit danach durch Unverständnis für eine solch tierschützerische Aktion von einem anderen Menschen vergiftet und musste qualvoll sterben.

In einem kleinen Tierheim in Süditalien geht der Betreiber des Öfteren von Haus zu Haus und bettelt um altes Brot, wenn er für die hungernden Tiere wieder einmal kein Futter mehr hat.
Solche oder ähnliche Begebenheiten finden leider täglich statt und die “Liste des Leidens“ könnte sicherlich noch seitenweise fortgeführt werden, würde aber hier zu weit führen.

Den Kritikern, die jedoch argumentieren das es Unsinn sei Hunde aus dem Ausland zu holen, da diese wie unsere Hunde in dortigen Tierheimen gut untergebracht sind, mögen Vorgänge dieser Art zu denken geben.

Selbstverständlich ist das Transferieren ausländischer Haustiere nach Deutschland keine Vorgehensweise um die hohe Population streunender Tiere im Ausland einzuschränken.
Dieses kann einzig und alleine nur durch entsprechende Kastrationsaktionen vor Ort geschehen. Hierfür fehlt es aber meist am Geld, das erforderliche Personal steht nicht zur Verfügung, oder die Mentalität der Menschen und Ihre Einstellung zu solchen Aktionen sowie vorhandene Korruption verhindern dieses.
Kastrationsaktionen voranzutreiben muss selbstverständlich weiterhin das vorrangige Ziel der Tierschützer sein, darf aber nicht als Argument missbraucht werden um einen Tier aus einem ausländischen Tierheim, die Chance auf ein lebenswertes Leben bei uns zu verwehren.

Natürlich muss sich ein Halter der sich einen ausländischen Hund zulegt auch des Risikos bewusst sein, dass ein Tier im Ausland nicht die medizinische Vorsorge und Betreuung erhält wie in einem deutschen Tierheim. So können bei einem solchen Tier bereits gesundheitliche Mängel vorliegen.
Leishmaniose, Ehrlichiose, Babesiose, Räude, usw. sind z. B. nur einige Hundekrankheiten die öfters bei ausländischen Hunden auftreten können. Jedoch lassen sich bei medizinischen Untersuchungen vor Ort einige Erkrankungen rechtzeitig erkennen und es kann entsprechend Vorsorge getroffen werden.

Ein gewissenhafter Partnerverein in Deutschland informiert einen Interessenten ausführlich über die Risiken und Möglichkeiten vor einer Vermittlung.

Fazit:

Für einen wahren Tierschützer ist es unsinnig, die Grenzen die der Mensch bestimmt hat als Kriterium zu betrachten, an denen sein tierschützerisches Wirken endet. Wenn die spezielle Anforderung eines Interessenten für ein Tier über unsere Landesgrenze hinausgeht, ist es vorzuziehen einem bedürftigen Tier aus dem Ausland eine Chance auf ein lebenswertes Leben zu geben, bevor im eigenen Lande speziell dafür gezüchtet wird.
Auch wenn das Leben eines Tieres aus dem Ausland nur dadurch gerettet werden kann, in dem es nach Deutschland überführt wird, werden echte Tierfreunde solche Aktionen sicherlich unterstützen.
Parallel und vorrangig sind jedoch mit einheimischen Tierschützern und Regierungsvertretern Lösungswege zu finden, um über Kastrationsaktionen die Population streunender und herrenloser Tiere einzuschränken.

Wir, der Tierschutzverein Noris e. V. werden uns jedenfalls dafür einsetzen.

Robert Derbeck 
Nürnberg, 16.08.04

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